Platzhalter im Kopf: Hättest du mein Leben gewollt?

Mein Bruder und ich. Fünf Jahre Unterschied. Zu viel, um damals eine Einheit zu sein. Ich wollte ihm nachzueifern, aber ich war immer das Kind, er der Jugendliche, der junge Mann. Wir waren zu verschieden.

Heute sehe ich diese Unterschiede noch schärfer: Er hatte Ziele, er hatte Erfolg. Ich habe das Gefühl, seit meiner Zeit in der Werbung nur abgebaut zu haben. Ihn hat die MS körperlich zerstört. Mich zerstören die Depressionen seelisch. Er hat 2012 den ultimativen Schlussstrich gezogen. Selbstbestimmt, angekündigt, konsequent. Bevor die Krankheit ihm die Würde nehmen konnte, ging er. Ich bewundere ihn für diese Härte, für diese absolute Klarheit.

In meinen dunkelsten Momenten spiele ich dieses Gedankenspiel: Was wäre, wenn ich tauschen könnte? Ich würde ihm mein Leben hinhalten. Ich suche ohnehin gerade nach dem Sinn darin. Was würde er antworten? Würde er zugreifen, um weiterzuleben? Oder würde er mich anschauen, mit dieser Zielstrebigkeit von damals, und sagen: „Behalt es. Es ist deins. Kämpf dafür.“?

Es ist eine Frage an einen Geist. Eine Antwort, die ich nie erhalten werde. Es bleibt nur die Stille – und dieser Platzhalter in meinem Kopf.

Schreibe einen Kommentar