1 Uhr nachts: Wenn die Dämonen wach werden

Seit 1 Uhr bin ich wieder wach. Um 8 Uhr ins Bett geflüchtet, und jetzt sitze ich hier. Der Reflux brennt in der Speiseröhre, die Angst brennt im Kopf. Es ist der absolute Tiefpunkt seit meiner Entlassung.

Ich versuche, an Berlin zu denken. Daran, dass ich es schon einmal geschafft habe, mich aus dem Dreck zu ziehen. Aber die Erinnerung verblasst gegen die aktuelle Angst: Was, wenn es dieses Mal nicht klappt? Was, wenn die Reha abgelehnt wird? Mein Körper streikt. Kleinste Anstrengungen machen mich komplett müde, meine Konzentration ist im Eimer, ich vergesse ständig Dinge. Und dann kommen die gut gemeinten Ratschläge: „Komm, wird schon, du findest wieder einen Job.“ Echt? Seht ihr die Wirtschaftslage nicht? Die Konkurrenz ist riesig, und ich stelle mich dort als nicht-studierter, gesundheitlich angeschlagener Kandidat hinten an. Das ist keine Schwarzmalerei, das ist Realismus.

Dazu die Wut auf mich selbst. Dass ich das verdammte Rauchen nicht lassen kann. Dass ich wie ein Naivling auf die Lotto-App starre und hoffe, dass 250.000 Euro vom Himmel fallen, die mich schuldenfrei machen und mir einfach nur Ruhe erkaufen. Ruhe… auch vor dem Thema Beziehungen. Nach dem Erlebnis im Krankenhaus scheint mir das unmöglicher denn je. Ich kann gut alleine sein – aber will ich das wirklich für immer? Es sind zu viele Fragen für eine Nacht. Und keine einzige Antwort in Sicht.

Berlin, der Balkon und das Versprechen

Draußen ist es grau, drinnen leider auch oft genug. Trübes Wetter, trübe Gedanken – eine Kombination, die auch durch viel Arbeit und die Unterstützung eines guten Freundes heute nicht ganz vertrieben werden konnte. Ich bin dabei, mein Leben umzukrempeln. Die Weichen für die Zukunft zu stellen, die Reha zu klären. Ich mache mir nichts vor: Es ist der letzte Versuch, den ich unternehme, um meine psychische Gesundheit noch einmal auf die Reihe zu bekommen. Der „Last Stand“.

Inmitten dieses Chaos hallt ein Satz nach, den mir eine Freundin vorgestern schrieb: „Ole, wir schaffen das irgendwie, aufgeben ist nie eine Option, okay!?“

„Wir“. Ein kleines Wort mit gewaltiger Bedeutung. Denn sie war es, die damals in Berlin dafür gesorgt hat, dass ich nicht den Weg über das Balkongeländer wählte, sondern den in die Klinik. Ein Versprechen, das ich ihr gab, als ich mit dem Pneumothorax flachlag – und das ich seitdem jedem Therapeuten erzählt habe. Es tut gut, an unsere Zeit in Berlin zu denken. An ihre Unterstützung. Gleichzeitig schmerzt die Erinnerung daran, wie hilflos ich mich fühlte, als sie später Hilfe brauchte und ich unfähig war, sie ihr zu geben. Das tut mir bis heute unendlich leid. Aber das „Wir“ steht noch. Und ich hoffe inständig, dass für uns beide wieder bessere Zeiten kommen. Aufgeben ist keine Option. Versprochen ist versprochen.