10 Jahre die Spuren hinterlassen haben
Auf dem Bild sieht man den Unterschied von 2015 zu 2026, da wir am Anfang des Jahres sind, rede ich mal von 10 Jahren.
Die 10 Jahre haben Spuren hinterlassen, nicht nur auf der Seele, sondern auch im Gesicht, vom körperlichen Befinden spreche ich mal gar nicht. Ständig müde, ständig kaputt, kaum noch Spaß an irgendwas. Heute gab es die Ausnahmen, meine Tochter ist eine davon.
Aber jetzt habe ich, wie es sich für jemanden in meinem Alter gehört, den Schneedienst draußen gemacht, da sich das Krankenhaus offensichtlich nicht darum kümmert. Es war vor einer Tür so viel Glatteis, dass der/die Unachtsame sich leicht hätte schwer verletzen können.
Ich habe ja sonst nichts zu tun, bin alleine auf dem Zimmer und genieße meine Musik, evtl. noch ein Filmchen… schauen wir mal..

Das nächste Wunder: Wenn der alte Zauber schweigt
Wie so oft lässt das nächste Wunder nicht lange auf sich warten. Heute traf ich meine Tochter, gebracht von ihrer Mutter. Früher war dieser Moment immer geladen: Ein wenig Aufregung, vielleicht zu viel Zuneigung, eine seltsame, fast magische Verbundenheit, die uns kettete. Doch heute? Nichts. Sie ist weg. Jedenfalls bei mir. Absolut komplett und nicht mehr da.
Warum? Ich weiß es nicht. Ich ahne etwas, aber es überrascht mich nach so vielen Jahren doch. War es mein Aufenthalt hier? Ist es die Akupunktur, die alte Blockaden gelöst hat? Liegt es an den (noch nicht mal stattgefundenen) Therapien? Oder liegt es schlicht an dem Zauber, der jetzt eine andere Person umgibt?
In meinem Kopf sitzen wieder Engelchen und Teufelchen und bekriegen sich. Sie suchen Gründe, sie warnen, sie locken. Aber am Ende bleibt nur Erich Fried, der es besser wusste als wir alle:
Was es ist
Es ist Unsinn sagt die Vernunft Es ist was es ist sagt die Liebe
Es ist Unglück sagt die Berechnung Es ist nichts als Schmerz sagt die Angst Es ist aussichtslos sagt die Einsicht Es ist was es ist sagt die Liebe
Es ist lächerlich sagt der Stolz Es ist leichtsinnig sagt die Vorsicht Es ist unmöglich sagt die Erfahrung Es ist was es ist sagt die Liebe
Der Klon ist da – oder: Papa 2 gibt sein Bestes
Der Tag ist gerettet. Heute treffe ich die wichtigste Frau in meinem Leben: Meine Tochter. Nach über einem Monat sehe ich sie endlich wieder. Allein das reicht, um die Welt heute etwas positiver zu sehen.
Jeder, der uns kennt, sagt: „Ein Klon“. Zum Glück hat sie nicht mein Aussehen geerbt (lach), dafür aber den Witz, den Charme und – ganz wichtig – eine ordentliche Portion Zynismus und schwarzen Humor. Wir haben letzte Nacht noch bis 1 Uhr Nachrichten ausgetauscht. Es ist nicht leicht für sie, ihren „Papa 2“ so zu sehen – den depressiven, kämpfenden Vater in der Klinik. So hat sie mich nicht kennengelernt. Aber ich gebe heute mein Bestes.
Wir machen es ganz spontan: Spazieren gehen, reden und guten Kaffee suchen. Wobei ich beim Thema Kaffee gerade Berlin und das Centro Italia vermisse – so einen guten Espresso hatte ich hier noch nicht. Ich freue mich darauf, ihr zuzuhören. Ihre Begeisterung für ihre Pläne ist ansteckend. Ich könnte mir ruhig eine Scheibe von ihrer positiven Art abschneiden. Ich bin einfach nur stolz auf sie, auch wenn ich leider einen großen Teil ihres Lebens verpasst habe.
P.S.: Und danke auch an mein „Berliner Töchterchen“ (meine beste Freundin). Danke für das letzte Jahr.
Schnee, Bublé und das Kind im Manne
„Ich wollte nie erwachsen sein.“ Eigentlich bin ich kein großer Peter Maffay Fan (außer „Tiefer“, das ist gut). Aber es gibt diese Version von „Nessaja“ mit Katie Melua, und die hat es mir wirklich angetan.
Vielleicht liegt es daran, dass ich mich gestern Abend genau so gefühlt habe. Die Akupunktur hat mich nicht – wie geplant – runtergefahren, sondern völlig aufgedreht. Ich war wie ein kleines Kind: Ich habe meinen Namen in den Schnee geschrieben und Botschaften auf die schneebedeckten Tische im Außenbereich gemalt. Jetzt sitze ich hier, schaue in die Sonne, die auf den weißen Boden knallt, und auf meinen Ohren läuft Michael Bublé mit „Haven’t met you yet“. Keine Ahnung, woher diese Leichtigkeit kommt. Gestern habe ich noch ganz knapp meine Miete überwiesen (Existenzangst lässt grüßen), aber dieser eine Mensch schafft es einfach, meine Laune in die Stratosphäre zu schießen.
Gestern ging es ihr schlecht. Vielleicht ist das ein Zeichen des Ausgleichs: Dass ich plötzlich mehr Kraft entwickele, um ihr etwas abzugeben. Meine Albträume heute Nacht waren zwar ein Dämpfer, aber das Grundgefühl bleibt wunderschön. Die Depressionen wandern langsam auf den Müllhaufen der Geschichte. Bestimmt. Sogar meine Tochter hat am Telefon schon gefragt, was mit mir los ist. Sie ist mindestens so empathisch wie ich und hört jede Nuance in meiner Stimme.
Euch allen einen schönen Samstag. Ich werde nachher vielleicht mal das Klinikgelände verlassen. Schauen wir mal, was die Welt draußen so macht.

Wilde Zeiten, Kaffeeduft und das Wasser für die Pflanze
Ich habe gerade alte Bilder gefunden und musste breit grinsen. Da ist einmal die Fotomontage vom „Stern“ und einmal ich vor dem Firmenwagen in Nürnberg. Beide stammen aus meiner Zeit bei adpepper media. Es war wohl die aufregendste Zeit meines Berufslebens: Wir haben gefeiert, Erfolge eingefahren und meine Berufsbezeichnung war so lang, dass sie kaum auf die Visitenkarte passte.
Trotz der vielen attraktiven Frauen habe ich diese typische Bussi-Bussi-Unart der Branche nie mitgemacht – so vertraut war ich nur wenigen. Viel mehr bedeutete mir eine kleine Geste: Ein Schokocroissant auf dem Schreibtisch, wenn ich in Nürnberg war. Danke an Ron und Juliane, die mich damals (auch mit dem Firmenwagen) so toll unterstützt haben.
Damals vollzog ich auch die Trennung von meiner zweiten Partnerin. Und jetzt kommt der Knüller: Obwohl ich schon monatelang in die Reimerstwiete zur Arbeit fuhr, habe ich erst nach der Trennung den Duft des frisch gebrannten Kaffees dort wirklich wahrgenommen. Erst als ich wieder frei war, hatte ich wieder ein Auge für Fotomotive.
Heute gehen mir ganz andere Motive nicht mehr aus dem Kopf. Ich habe einen wunderbaren Menschen kennengelernt. Ich verzehre mich nach dir – und ich glaube, das weißt du. Um es mit Fury in the Slaughterhouse zu sagen: Du bist das Wasser für die Pflanze („Waterless“). Du bist mein Licht am Ende des Tunnels.


59 Kerzen, die nicht brennen
Der 1. Januar ist für die Welt ein Neuanfang, für mich ist er ein Gedenktag. Heute wäre mein Bruder 59 geworden. Seit 2012 ist sein Platz leer. Die Multiple Sklerose hat ihn in die Enge getrieben, bis er keinen anderen Ausweg mehr sah, als selbstbestimmt zu gehen.
Wenn ich heute in die Sonne blinzele, frage ich mich wieder nach dem „Warum“. Warum er, der Lebensfrohe, der Erfolgreiche? Warum nicht ich, der so oft mit dem Leben hadert? Ich habe so viele Prüfungen überlebt, so oft dem Tod ins Auge gesehen. Er hatte weniger Chancen. Wir waren vielleicht keine besten Freunde, aber wir waren Brüder. Und diese Bindung bleibt, auch über den Tod hinaus. Alles Gute nach drüben.
2 Hände und ein Herz hörten auf zu schlagen (Unbekannt)
There is no rewind button for life (Nam June Paik)
Beide Zitate aus seiner Traueranzeige und hier das Lied was er eigentlich auf seiner Beerdigung hören wollte:
Der Wind des Lebens und ein Platz im Kopf
Es ist vollbracht: 2026 ist da. Entgegen meiner Befürchtung saß ich nicht alleine auf dem Zimmer, sondern im Aufenthaltsraum mit den anderen. Es war ein überraschend schöner Abend. Es gab selbstgebackenen Apfelkuchen – und da der Bäcker Konditor gelernt hat, war das geschmacklich eine ganz andere Liga. Dazu gab es, wie wir Hamburger sagen: „Puffbrause“ (natürlich alkoholfrei). Um 12 Uhr standen wir dann draußen und haben das neue Jahr begrüßt.
Aber selbst in dieser Runde war ich in Gedanken woanders. Eine bestimmte Person ging mir nicht aus dem Kopf. Und wisst ihr was? Das ist gut so. In meinem Kopf hat sie ihren Platz genau gegenüber der Wand mit den negativen Gedanken gefunden – als wunderschöner Gegenpol. Mit ihr möchte ich 2026 ganz viel erleben. Wir wollen schauen, wohin uns der Wind des Lebens weht. Und ich gehe mit dem beruhigenden Wissen in dieses Jahr, dass wir uns gegenseitig festhalten würden, sollte der Sturm mal zu stark werden.
Mein Vorsatz ist klar: Ich will gesund werden. Ich will wieder mal wirklich glücklich sein. Genau das wünsche ich auch jedem Leser dieses Blogs. Auf 2026!
2025 – Ein Rückblick ohne Filter
Wenn ich auf dieses Jahr schaue, muss ich eigentlich Ende 2024 beginnen. Am 8. Dezember ging nichts mehr: Krankmeldung. Zu den „normalen“ Depressionen gesellten sich massive Existenzängste. Mein Ego, ohnehin nie klein, lag am Boden. Ich fühlte mich wie ein Versager auf ganzer Linie. Der Tiefpunkt war der 10. Dezember 2024. Als ich mich dabei ertappte, nach Orten zu suchen, wo man ein Auto sicher um einen Baum wickeln kann, war klar: Lange geht das nicht mehr gut.
Erschwerend kam eine absolut unfähige Psychologin vor Ort hinzu. Wie die an ihren Titel gekommen ist – sicher nicht durch Können. Trotzdem habe ich mich irgendwie durchgeschleppt, Probleme gelöst, funktioniert. Bis zum 30.06.2025. Da wies ich mich selbst in die Klinik ein. Der Grund? Ein Versprechen. Ich hatte meinem liebsten Dinchen nach meiner Pneumothorax-OP geschworen: Ich verlasse diese Welt nur auf natürlichem Wege. Auch wenn wir uns gerade erst wieder neu kennenlernten – dieses Versprechen war mein Anker.
Die 8 Wochen im Sommer waren wichtig. VR-Therapie gegen die Sozialphobie, Spieleabende, ein gutes Team. Jetzt bin ich wieder hier. Die Umgebung ist rauer geworden. Mitpatienten, die Frauen schlagen, Tiere quälen oder ein „Nein“ nicht akzeptieren, machen es mir schwer, ruhig zu bleiben. Aber: Es gibt einen wunderschönen Lichtblick. Ich glaube, mir hat noch nie jemand so tief in die Augen gesehen wie jetzt.
Mit diesem Gefühl schaue ich auf 2026. Bitte bring mich weiter. Danke.
Ein ganz großes Danke geht an Dine, Danny, Sabse, Julia, Stephan, Mattis, Bella Donna, Jehona, Isabella, Robert, Thomas, Sonja, Selina Kübra und Gülay. Und dem wundervollen neuen Menschen 🙂
Die Reihenfolge hat nichts mit der Wichtigkeit der Personen zu tun. Und ein großes Danke an das gesamte Team vom BKH Augsburg.
Wenn es mir schlecht geht, sehe ich schärfer
Nachricht aus Berlin: Ein Anschlag auf einen Klimabus. Feige. Sinnlos. Solche Meldungen lassen mich oft wütend zurück, aber heute haben sie mich melancholisch gemacht. Ich musste an Hamburg 2014 denken. Drei Obdachlose, eine Stunde Zeit, ein Foto als Erinnerung.
Ich wüsste zu gerne, wo diese drei heute sind. Haben sie es geschafft? Leben sie überhaupt noch? Es ist eine Tatsache, die ich an mir beobachte: In Phasen, in denen ich selbst kämpfe, werden meine Sensoren für das Leid anderer feiner. Man schaut nicht mehr weg, man fühlt mit. Damals habe ich Geld gegeben – eine für mich untypisch hohe Summe. Aber es waren feine Kerle, nüchtern, ehrlich. Ich hoffe bis heute, dass es ihnen zumindest für ein paar Tage Erleichterung verschafft hat.
Dank Datenschutz und der Anonymität der Großstadt bleiben ihre Schicksale im Dunkeln. Aber das Bild und die Erinnerung bleiben.
