Triggerwarnung: Der folgende Beitrag thematisiert schwere häusliche Gewalt (physisch und psychisch), Missbrauch und Depressionen. Wer mit diesen Themen nicht umgehen kann oder selbst akut betroffen ist, sollte diesen Beitrag bitte nicht lesen oder nur mit Vorsicht konsumieren.
Ich bin neulich durch Zufall auf YouTube auf ein Video gestoßen, das mich eiskalt erwischt hat. Eine wichtige Bitte vorweg: Schaut euch das Video wirklich nur an, wenn ihr stabil seid und es vertragt.
Als ich meiner Therapiebegleitung davon erzählte, fragte sie mich sofort: „Wie willst du das danach verarbeiten?“, da ich selbst Opfer bin. Meine Antwort war: Ich werde mich danach bewusst an schöne Dinge erinnern. Ich werde jeden positiven Moment suchen. Wenn ihr dazu nicht in der Lage seid: Bitte schaut das Video nicht und lest auch hier nicht weiter.
Das Erbe der Gewalt
Ich stehe dazu: Ich wurde nicht nur Opfer häuslicher Gewalt durch meinen Vater. Ein Mann, der seine Brutalität mit „Erziehung“ rechtfertigte und es tatsächlich schaffte, das Weinen aus mir herauszuprügeln. Denn Männer machen sowas ja nicht. Männer weinen nicht.
Das Tragische daran ist, dass man oft genau das sucht, was man kennt. Das Vertraute, selbst wenn es schrecklich ist. Und so suchte ich mir eine Partnerin, die ihm in vielen Dingen erschreckend ähnlich war.
Die Warnzeichen am Tegeler See
Es begann schon früh, noch bevor wir überhaupt zusammenlebten. Wenn sie alkoholisiert war, flogen Gegenstände. Es gab Ohrfeigen. Streit in Reinkultur – laut, schmerzhaft, physisch. Sie boxte, sie stellte sich mir in den Weg.
Einmal war es so schlimm, dass ich fliehen musste. Ich verbrachte eine Nacht am Tegeler See, weil die Cousine meines Vaters, bei der ich unterkommen wollte, nicht da war. Das erste Mal in meinem Leben schlief ich unter freiem Himmel. Und trotzdem ging ich zurück. Ich ließ mich einlullen von dem typischen Versprechen: „Das kommt nie wieder vor. Das wird nie wieder passieren.“
Ich sah es nicht als die Warnung, die es war. Stattdessen zog ich mit ihr zusammen.
Ein Leben voller Lügen und Narzissmus
Mit dem Zusammenziehen veränderten sich die Entschuldigungen. Sie wurden seltener. Dafür nahmen die Lügen zu. Lügen darüber, wo sie war. Dass sie eine Scheinehe geführt hatte, um Geld zu verdienen. Dass immer noch Kontakt zum Ex bestand. Jede einzelne dieser Lügen hätte reichen müssen, um die Reißleine zu ziehen.
Aber ich blieb. Warum? Weil sie es mit ihrem grenzenlosen Narzissmus schaffte, alles an mir kleinzureden. Sie gab mir das Gefühl, ein Niemand zu sein, nie etwas geleistet zu haben. Ihre manipulative Art war so perfekt, dass ich oft gar nicht merkte, was mit mir passierte.
Ich habe mich in all den Jahren genau zwei Mal gewehrt. Einmal schubste ich sie, wobei sie sich eine Schramme an einer Tischplatte holte. Das andere Mal wehrte ich mich körperlich. Das Ergebnis: Sie hatte ein leicht blaues Auge. Aber meine unzähligen blauen Flecken? Die wollte ihre Mutter natürlich nicht sehen. Schuld war wieder ich. Sie nutzte diese zwei Momente immer wieder als Argument: Sie müsse mir ja „vorbeugen“. Deshalb schlug sie mich. Immer so, dass es niemand sehen konnte, im T-Shirt-Bereich.
Ihre Depressionen wurden schlimmer, und Sätze wie „Ohne die 5 Bier am Abend ertrage ich mein Leben nicht“ ließen tief blicken. Damals war ich noch nicht depressiv. Ich funktionierte, selbst als mein Vater versuchte, sie einen Tag vor Heiligabend zu missbrauchen – und ich auch dafür noch büßen musste.
Der lange Absprung
2009 schaffte ich den ersten räumlichen Absprung. Doch wenn ich sie besuchte und spürte, dass ihre Depressionen wieder da waren, drehte ich mich oft direkt auf der Schwelle um und fuhr wieder heim. Es gab Phasen, da wurde es besser, vielleicht für ein halbes Jahr. Die körperlichen Attacken wichen psychischen Angriffen. Ich litt unter ihrem Frust.
2012 endete dieses Joch endlich. Nachdem ich herausfand, dass sie mich mit zwei anderen Typen betrog, war alles für mich vorbei. Selbst als ich meine Sachen abholte und ihr ins Gesicht sagte, dass ich es wüsste, log sie weiter – während einer der beiden oben in ihrer Wohnung saß.
Die Stille danach und der Absturz
Nach der Trennung fiel ich in ein Extrem. Ich hatte plötzlich Zeit. Schon am zweiten Abend hatte ich wieder ein Date. Ich hatte sehr viel Spaß in Berlin. Man könnte sagen, ich habe „rumgehurt“. Aber ich war dabei immer ehrlich. Ich sagte offen, was es für mich bedeutet und dass ich nicht mehr will.
Unvergessen der Moment, als der Empfang in meinem Büro anrief: „Ihre Tochter wartet hier.“ Es war nicht meine Tochter. Es war eine 19-Jährige – die Jüngste in dieser ganzen Zeit. Sie hatte mich angesprochen, und ich hatte nicht nein gesagt. Wir haben die zwei Monate genossen, beide.
Aber wie es oft ist, wenn man zur Ruhe kommt: Die Gedanken holen dich ein. Man denkt darüber nach, was man erreicht hat, was der Plan war und wo man heute steht. Ich betrachtete mein Leben plötzlich von außen. Zusammen mit Mobbing im Job und dem drohenden Verlust meiner Wohnung führte das direkt in die Depression.
Ich ärgerte mich über mich selbst. Warum habe ich fast 10 Jahre an diese Person verschwendet? Warum bin ich nicht früher gegangen? Die Erinnerungen an die Kindheit kamen hoch, an den Missbrauch durch meinen Vater. Alles brach über mir zusammen. Und so führte mein Weg schließlich in die Klinik.
Es war ein langer Weg bis hierher, und er ist noch nicht zu Ende. Aber heute kann ich darüber schreiben.
Für Männer.
Hilfetelefon Gewalt an Männern
Sprachen: Deutsch (Anruf und Chat) und Türkisch (Telefon)
Telefonzeiten: Mo-Do von 8:00 bis 20:00 Uhr, Fr von 8:00 bis 15:00 Uhr
Chat-Zeiten: Mo-Do von 12:00 bis 15:00 Uhr, 17:00 bis 19:00 Uhr
0800 / 123 99 00
https://www.maennerhilfetelefon.de/