Wieder mal eine kleine Leseprobe

Kapitel ist noch nicht ganz abgeschlossen:

Kapitel 9 – Der Kaffee ist fertig

Es klingelte nur zweimal kurz an der Tür, als Martin aus dem Schlaf schreckte. Er sprang hoch und lief noch etwas taumelnd zur Wohnungstür. Er öffnete, und Celine stand davor.

„Hey, Schlafmütze“, sagte sie fröhlich. „Wir haben Kuchen mitgebracht und dachten, du magst vielleicht einen Kaffee. Mama hat nämlich festgestellt, dass sie ja noch deinen Filter hat.“

Martin wischte sich fahrig durch die kurzen Haare, um ein wenig wacher zu werden. „Hey, gern. Ich komme gleich rüber, lass die Tür einfach offen.“

Celine tänzelte fröhlich zurück zur Nachbarwohnung. Martin ging schnell ins Bad und wusch sich mit eiskaltem Wasser das Gesicht. Bevor er die Wohnung verließ, legte er noch etwas Parfum auf. Ein besonderes und doch recht günstiges – aber eines, das in der Vergangenheit schon bei so mancher Frau eine ziemlich durchschlagende Wirkung erzielt hatte.

Er ging langsam hinüber in Lucias Wohnung. Der halbe Flur stand bereits voll mit den typischen Tüten eines bekannten skandinavischen Möbelhauses. Langsam näherte er sich der Küche, wo die beiden Frauen gerade den Tisch deckten und Lucia den Kaffee vorbereitete.

„Hallo zusammen“, sagte Martin lachend und deutete mit dem Daumen über die Schulter. „Kann es sein, dass das Möbelhaus jetzt ernsthaft nachbestellen muss?“

„Naja, wir haben so ein paar kleine Dinge gefunden“, lachte Lucia, als Martin sich zu ihr stellte. Sie hielt plötzlich inne, testete den Duft in der Luft und trat einen halben Schritt näher an ihn heran. „Wow, was ist das?“ Sie roch fast unmerklich an seinem Hals und sah ihn dann mit einem gefährlichen Funkeln in den Augen an. „Ganz böses Parfum, ganz böse…“, murmelte sie und grinste ihn mit leicht geröteten, süßen Wangen an.

„Das könnt ihr morgen wieder machen“, mischte sich Celine trocken von der Seite ein. „Da bin ich dann ja wieder in der Schule.“

Ein leichtes Erröten huschte über die Gesichter der beiden Erwachsenen, als sie sich von Celine auf frischer Tat ertappt fühlten.

„Setz dich“, rettete Lucia die Situation mit einem sanften Lächeln und deutete auf den Stuhl. „Genieße einfach mal die Bedienung.“

Sie schenkte ihm dampfenden Kaffee ein und stellte ihm aufmerksam die Milch hin.

„Marzipan oder Erdbeer?“, fragte Celine, hielt das Kuchenmesser bereit und grinste Martin verschmitzt an.

„Marzipan, bitte“, entgegnete er dankend und ließ sich an den Tisch fallen.

Lucia entschied sich ebenfalls für den Marzipankuchen und Celine griff zielsicher zur Erdbeertorte. Sehr geschickt verteilte die Zwölfjährige die Tortenstücke auf die Teller.

„Wie war es mit dem E-Auto?“, fragte Martin, während er sich den ersten Bissen auf der Zunge zergehen ließ.

„Lustig und angenehm leise…“, schwärmte Lucia. „Ich würde ihn morgen früh allerdings noch einmal brauchen, um Celine zur Schule zu fahren. Danach kümmere ich mich direkt um mein Auto.“

„Kein Problem“, entgegnete Martin entspannt. „Du kannst den Schlüssel gleich behalten. Wie steht’s mit der Reichweite?“

„Noch über 130 Kilometer!“, warf Celine schnell ein. „Und das, obwohl wir zwei richtig laut Musik gehört haben!“, fügte sie lachend hinzu.

„Gut, dann muss er heute noch nicht ans Kabel“, sagte Martin und schaute Lucia an. „Danach aber einfach die Ladeklappe leicht reindrücken, dann springt sie auf und du kannst das Kabel aus dem Carport einstecken.“

„Und was ist, wenn ich möchte, dass Martin mich zur Schule fährt?“, fragte Celine frech in die Runde.

„Er muss nicht so früh aufstehen, das mache ich schon. Er hat schon viel zu viel für uns getan“, wiegelte Lucia sanft ab. Dann fiel ihr plötzlich etwas ein: „Ich habe vorhin übrigens die Frau von der Hausverwaltung vor der Tür getroffen. Sie hat mir einen Brief in die Hand gedrückt.“ Lucia legte den Kopf leicht schief und sah Martin prüfend an. „Hast du dich etwa schon über mich beschwert?“

„Ich hab gar nichts gemacht“, wehrte Martin mit gespielter Unschuld ab. „Schau doch rein, vielleicht ist es ja etwas Wichtiges.“

Lucia warf ihm einen fragenden Blick zu, riss den Umschlag auf und überflog die kurzen Zeilen. Plötzlich hielt sie inne. Sie sah Martin aus ihren dunklen Kulleraugen an und wischte sich hastig eine kleine Träne aus dem Augenwinkel. „Das ist nicht dein Ernst…“, flüsterte sie und begann über das ganze Gesicht zu strahlen.

„Was denn, Mama? Was ist los?“, hakte Celine neugierig nach.

„Martin hat einfach die letzten zwei Raten für unsere Kaution ausfallen lassen. Das macht uns gerade so vieles leichter“, erklärte Lucia sichtlich ergriffen.

„Sie dürfen den Vermieter jetzt küssen“, verkündete Celine trocken. „Ich schau dann auch weg.“

Lucia ließ sich das nicht zweimal sagen. Sie beugte sich weit über den Kuchenteller hinweg und gab Martin einen intensiven, langen und wunderschönen Kuss. „Ich kann dir gar nicht sagen, wie dankbar ich dir bin“, hauchte sie leise, als sie sich wieder von ihm löste.

„Ich habe übrigens noch eine kleine Überraschung für euch“, sagte Martin, nachdem sich die Aufregung um den Kuss etwas gelegt hatte. „Ich würde heute Abend Pizza backen. Also, so richtig selbst gemacht. Ihr müsstet mir nur sagen, was ihr mögt und was nicht. Eventuell muss ich dafür dann noch mal schnell einkaufen.“

„Das kann ich langsam wirklich nicht mehr annehmen“, seufzte Lucia kopfschüttelnd, schob ihm aber trotzdem den Autoschlüssel über den Tisch. „Hier, falls du noch mal losmusst. Also, wir mögen beide gerne Schinken und Champignons, oder, Celine?“

Celine nickte eifrig.

Martin schob den Schlüssel lächelnd zu Lucia zurück. „Den kannst du ruhig behalten. Ich kann das Auto auch einfach über mein Handy öffnen und damit fahren. Dann stöpsel ich ihn heute Abend nach dem Einkaufen vielleicht doch mal an.“

„Abgefahren“, staunte Celine mit großen Augen. „Und ja zur Pizza: Schinken, Pilze und… Spiegelei!“

„Gern, wird gemacht“, schmunzelte Martin.

Sie aßen den Kuchen in gemütlicher Runde auf. Als die Teller leer waren, sah Lucia Martin mit ihrem besten, unwiderstehlichsten Blick an. „Sag mal… kannst du zufällig auch Lampen anschließen? Ich weiß, ich nutze dich gerade gnadenlos aus, aber… ich mache das auch ganz bestimmt wieder gut, wenn die Jugend hier nicht mehr im Raum ist.“ Sie lachte leise und blinzelte Celine dabei frech von der Seite an.

Celine rümpfte sofort angewidert die Nase und verpasste ihrer Mutter einen empörten Stupser in die Seite. „Pfui!“

Celine sprang auf und rannte in ihr neues Zimmer. „Ich pack schon mal aus, dann könnt ihr noch ein bisschen heimlich knutschen!“, rief sie lachend über die Schulter.

Martin und Lucia standen auf. Er ging um den Tisch herum zu ihr und nahm sie liebevoll in den Arm. Sie sah ihn aus ihren dunklen Kulleraugen an. „Ich bin dir so unendlich dankbar. Du bist ein absolutes Geschenk des Himmels und ich würde dich jetzt am liebsten auf der Stelle auffressen. Verdammt, riechst du gut.“ Beide schlossen die Augen und küssten sich leidenschaftlich – zwei, vielleicht drei endlose Minuten lang.

„Genug jetzt!“, rief es plötzlich streng aus dem Kinderzimmer. Beide konnten sich nur schwer voneinander trennen, ein letzter, kurzer Kuss musste noch sein. Dann gingen sie hinüber zu Celine. Martin packte die neuen Lampen aus, bohrte die Halterungen an und schloss die Kabel fachmännisch an. Ein kurzes Klicken am Schalter: an und aus. Perfekt. Celine grinste über beide Ohren. „Danke, Martin“, sagte sie und drückte ihn kurz und fest mit ihren schmalen Armen.

„Ich müsste dann jetzt auch mal einkaufen und den Pizzaofen anfeuern, damit wir nachher was Leckeres zu essen haben“, kündigte Martin an.

„Du hast einen echten Pizzaofen mit richtigem Feuer?“, fragte Celine mit großen Augen.

„Ja, in dem backe ich ab und zu auch Brot“, bestätigte Martin. „Ihr könnt einfach rüberkommen, so in einer Stunde steht meine Tür für euch offen. Bei dem schönen Wetter können wir nachher sicher auch im Garten essen.“

Beide sahen ihn staunend an. „Ja… bis nachher“, sagte Lucia immer noch leicht ungläubig. Während Martin aus der Wohnung ging, hörte er Celine drinnen noch flüstern: „Du hast wohl echt den Jackpot geknackt, Mama.“

Er musste unweigerlich grinsen, als er in sein Auto stieg und schnell zum nahen Supermarkt fuhr. Ein Blick auf das Display des Infotainment-Systems verriet ihm, was die beiden vorhin auf ihrer Fahrt gehört hatten. Sie hatten gar nichts verstellt – sie hatten tatsächlich Chris Botti gehört.

Im Supermarkt arbeitete er schnell seine innere Liste ab: Er kaufte wunderbaren italienischen Schinken, Mozzarella – sicherheitshalber einmal vom Büffel und einmal von der Kuh –, dazu Eier für Celine und makellose braune Champignons. Er packte noch frische sowie passierte Tomaten, frisches Basilikum und zwei gute Flaschen Rotwein in den Wagen. Da er nicht wusste, was Celine am liebsten trank, nahm er zur Sicherheit noch Cola, Fanta und Spezi mit.

Dann fuhr er auf dem schnellsten Weg wieder nach Hause, denn der Pizzateig brauchte gut eine Stunde, um richtig zu gehen. Kaum angekommen, heizte er als Erstes draußen den Steinofen an. Er schichtete frisches, kleines Anzündholz auf und legte zwei ordentliche Balken nach.

Dann ging er rein in die Küche. Wenig später verrichtete die große Küchenmaschine schnurrend ihre Arbeit und knetete den Teig aus Mehl, Wasser, einem Schuss Öl, Salz, etwas Zucker und der Hefe. Er schaffte es auf Anhieb, das Verhältnis perfekt hinzubekommen. Zum Schluss gab er noch einen Hauch frischen Oregano direkt in den Teig, der nun wunderbar geschmeidig vor sich hin knetete.

Über sein Handy hatte Martin Musik auf die Küchenlautsprecher geworfen – passend zum italienischen Abend lief jetzt tatsächlich Eros Ramazzotti. Als der Teig fertig war, deckte er die Schüssel ab und stellte sie nach draußen in die Nähe des Ofens, damit die Hefe schon etwas von der wohligen Strahlungswärme abbekam. Das Holz brannte perfekt herunter und die großen Scheite hatten bereits ordentlich Glut angesetzt. Zufrieden grinsend ging er wieder rein.

In einer Schüssel rührte er die passierten Tomaten an, mischte ganz fein gehacktes Basilikum, einen Hauch Olivenöl, frisch gemahlenen Pfeffer und eine Prise Zucker unter. Ausgelassen sang er dabei mit Eros mit. Die frischen Tomaten und die Pilze schnitt er in feine Scheiben und benetzte sie leicht mit einem speziellen Olivenöl, das er zuvor schon mit frischem Knoblauch angesetzt hatte. Er deckte alles ab und stellte es kühl.

Er war richtig stolz auf sein kleines Mise en Place und tanzte mittlerweile regelrecht zur Musik durch die Küche. Voller Vorfreude zog er den Korken aus einer der Weinflaschen, schenkte sich ein Glas ein, nahm einen tiefen Schluck und drehte sich mit dem Rotwein in der Hand schwungvoll um die eigene Achse.

Ein kurzer Blick auf die Uhr: Okay, der Teig musste noch gut zwanzig Minuten ziehen. Er trat wieder nach draußen in den Garten, wo man die Musik aus der Küche noch leise durch die geöffnete Tür hören konnte, und steckte sich genüsslich eine Zigarette an. Er trank noch einen Schluck des vorzüglichen Rotweins. In seinem Kopf war nur noch Platz für diese beiden. Kein düsterer Gedanke, kein endloses Zerdenken schmälerte mehr den Genuss dieses Moments. Er war voll und ganz in seinem Element und in Gedanken fest bei den zwei tollsten Frauen, die völlig unerwartet in sein Leben getreten waren.

Als er aufgeraucht hatte, nahm er die Teigschüssel wieder mit hinein. Er ließ sie auf der Arbeitsplatte noch ein wenig ruhen, schenkte sich noch einmal großzügig Wein nach, tanzte wieder durch die Küche und sang lautstark mit:

Er sang in gar nicht mal so schlechtem Italienisch:

„Musica è guardare più lontano e perdersi in se stessi La luce che rinasce e coglierne i riflessi Su pianure azzurre si aprono Su, più su i miei pensieri spaziano Ed io mi accorgo che Che tutto intorno a me, a me…“

Dabei tanzte er mit dem Weinglas durch die Küche. Erst jetzt bekam er mit, dass Celine und Lucia im Türrahmen standen und ihm fasziniert zuschauten. Er brach seinen Gesangsvortrag sofort ab.

Während Celine neugierig an die Arbeitsplatte trat und sich die vorbereiteten Zutaten ansah, glitt Lucia dicht an Martin vorbei und flüsterte ihm sanft ins Ohr: „Wenn ich nicht schon verknallt wäre, wäre ich es spätestens jetzt.“

Celine schnupperte an den geschnittenen Pilzen und Tomaten. „Mit Knoblauch?“, fragte sie skeptisch.

Martin sah sie amüsiert an. „Hast du morgen etwa ein Date mit einem Jungen?“, neckte er sie.

„Pfui, nee! Jungs sind doch alle nur albern und doof“, entgegnete sie kopfschüttelnd. „Ich will später mal so jemanden wie dich.“

Martin hatte mittlerweile zärtlich seinen Arm um Lucias wunderschöne Taille gelegt. „Na, das ist ja wohl noch etwas hin“, schmunzelte er.

Dann wandte er sich wieder seinem Handwerk zu, holte den Teig aus der Schüssel und bemehlte die Arbeitsfläche sowie seine Hände. „Celine, magst du mal draußen am Ofen schauen? Rechts ist ein Thermometer. Was zeigt das an?“

Sie rannte sofort los und rief aus dem Garten: „210 Grad!“

„Das ist noch zu wenig, dann dauert es noch einen kleinen Moment.“ Er holte ein Wasserglas für Celine und ein zweites Weinglas für Lucia aus dem Schrank und schenkte ihr den tiefroten Wein ein, als Celine wieder in die Küche tänzelte.

„Such dir einfach aus dem Kühlschrank aus, was du trinken magst, Celine“, bot er an, reichte Lucia ihr Glas und erhob sein eigenes.

Celine schnappte sich die Spezi, goss sich ein Glas ein und gesellte sich wieder zu den beiden.

„Zum Wohl, ihr zwei tollen Frauen“, sagte Martin und blickte in die Runde. „Ich freue mich unendlich, dass ihr hier seid und ausgerechnet die Wohnung neben meiner gefunden habt.“ Er prostete den beiden zu, die Gläser klirrten leise, und sie tranken gemeinsam den ersten Schluck dieses perfekten Abends.

Celine schnitt schnell ihre Pizza an, schob sich ein etwas zu großes Stück in den Mund, kaute kurz und sagte dann mit vollen Backen: „Super lecker! Einfach super lecker.“ Das brachte ihr sofort einen leicht strafenden Blick von Lucia ein, die natürlich nicht wollte, dass ihre Tochter mit vollem Mund sprach.

Martin machte schnell die beiden anderen Pizzen fertig. Lucia bekam ihre natürlich zuerst. „Wunderbar“, schwärmte sie nach dem ersten Bissen. „Göttlich.“

Martin schenkte noch einmal bei allen nach und begann dann ebenfalls zu essen. „Ja, ist halt mit Liebe gemacht“, sagte er extra mit leicht vollem Mund, nur um von Lucia exakt denselben strafenden Blick zu kassieren wie zuvor Celine. Celine kicherte in ihre Hand und verpasste ihm unter dem Tisch einen liebevollen, kurzen Tritt gegen das Schienbein.

Als alle drei mit dem Essen fertig waren, schaute Celine in die Runde und verkündete: „So, ich lass die Erwachsenen mal alleine. Kannst auch hier schlafen, Mama, wenn du willst, aber denk an die Schule morgen!“

Lucia schaute sie lächelnd an. „Dann gute Nacht. Und schließ bitte drüben nach dir ab, du hast ja jetzt deinen eigenen Schlüssel. Und danke für die Erlaubnis, dass ich hier schlafen darf… aber wenn irgendwas ist, kommst du sofort rüber, okay?“

„Hast du eigentlich schon einen Schlüssel für hier?“, prustete es aus Celines frechem Mund. „Ja, wenn was ist, gebe ich Meldung. Und ja, ich schließe ab. Und nein, ich bleib nicht mehr so lange wach wie ihr…“

„Schlaf gut und träum was Gscheids“, rief ihr auch Martin hinterher.

Als die Tür ins Schloss fiel, wandte er sich Lucia zu. „Ist dir warm genug? Es ist ja doch noch recht frühlingshaft kühl abends.“ Sie schaute ihn an und ein Gedanke schoss ihr durch den Kopf: Verdammt, das ist alles, was ich Jahrzehnte vermisst habe. Aber wie lange würde er das machen? Hatte ihr Ex am Anfang nicht auch so aufmerksam gewirkt? Nein, dachte sie sofort. Es war anders. Viel herzlicher, verrückter und einfach nur echt.

„Geht noch“, sagte sie sanft. „Mich wärmt gerade noch etwas anderes. Es ist so verrückt schön mit dir. Warum hast du keine Freundin? Keine Frau?“

Martin schwieg für einen Moment. Er stand auf, holte eine eiserne Feuerschale und nahm mit einer Schaufel glühende Kohlen aus dem Pizzaofen, um damit das frische Holz in der Schale zu entzünden. Dann trug er die bequeme Bank aus der Ecke direkt an das knisternde Feuer. „So vielleicht besser?“ Sie setzte sich sofort um und genoss die weichen Kissen in der wohligen Nähe der Flammen.

Er blieb vor ihr stehen. Langsam hob er den Saum seines T-Shirts ein Stück an und offenbarte eine etwa drei Zentimeter breite, wulstige Narbe auf seiner Haut. „Das war keine OP. Das war meine Ex“, sagte er leise. Er füllte die Weingläser noch einmal nach, reichte ihr ihres und setzte sich dicht neben sie.

Lucia war zutiefst geschockt. „Warum? Warum tut man so etwas? Warum dir? Was ist passiert?“

Martin starrte in die Flammen, seine Stimme zitterte leicht und war kaum mehr als ein Flüstern: „Ich war zu nett, zu devot. Sie hat mich belogen, betrogen und geschlagen. Das hier war ein Küchenmesser. Das war der Grund, warum ich dann endlich den Absprung geschafft habe.“

„Wie lange ist das her? Wohnt sie hier irgendwo? Ist sie verurteilt worden?“ Lucia sah ihn mit großen Augen an und legte instinktiv ihre freie Hand auf seine. „Du musst natürlich nichts sagen…“

„Sorry“, sagte er und schaute zu ihr auf. „Sorry, dass ich den Abend jetzt so versaue. Das ist acht Jahre her, und ja, sie wurde verurteilt. Sie wohnt sechshundert Kilometer weit weg und weiß nicht, wo ich lebe.“

„Du versaust gar nichts. Ich war so doof, überhaupt zu fragen, warum…“ Sie gab ihm einen weichen, tröstenden Kuss auf die Wange. „Wenn du irgendwann darüber sprechen möchtest – oder jetzt –, dann sag es einfach.“

„Der Abend ist zu schön, um noch einen einzigen Gedanken an sie zu verschwenden“, antwortete Martin, und seine Stimme klang nun wieder etwas bestimmter. „Lass ihn uns für uns genießen. Weißt du, der Mensch hat die Augen vorne im Gesicht, damit er nicht zurücksieht.“ Er hob sein Glas und prostete ihr zu.

Sie erwiderte den Toast mit einem warmen Lächeln. „Danke für deine Ehrlichkeit. Wir haben so wunderbar gegessen und hatten einen so tollen Tag.“ Sie nahm einen tiefen Schluck und seufzte leise. „Wir müssen nur langsam aufpassen mit dem Alkohol… wegen morgen, Auto fahren und so.“

Er schaute ihr tief in die Augen, ein freches, aber unendlich liebevolles Lächeln auf den Lippen. „Dafür hat Gott Uber erfunden.“

Dann beugte er sich vor und gab Lucia einen langen, superleidenschaftlichen Kuss, der ihr fast die Besinnung raubte und sie augenblicklich alles andere auf der Welt vergessen ließ.

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